Militärunterlagen

Krieg-Verlustlisten

Der Krieg von gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt kennt man schon seit den ältesten Zeiten. Es gab den Religions-Krieg, Eroberungs-Krieg, Existenz-Krieg und National-Krieg. Viele wertvolle Unterlagen für uns Ahnenforscher wurden dadurch zerstört.


Vom ersten Weltkrieg noch vorhandene Militäraufzeichnungen, wie die Verlustlisten gehören zu den wichtigsten Quellen über das Leben der Person im Miliärdienst. Sie bieten Geburts- und Sterbedaten, Adressdaten, Rang und Zugehörigkeit im Militär.

Auf unserer Ahnenforscher-Seite findest Du digital bereitgestellte Bücher, sortiert nach Forschungsgebieten.



Auszüge aus dem Erlebnisbericht von Hanna Samland aus Bladiau (Ostpreußen)

geschrieben am 06.06.1951

Doch jetzt will ich Dir mal kurz von Februar `45 an alles mitteilen.
Am 21. Februar abends 10.00 Uhr sind wir weggefahren. Haben bei Euch noch halt gemacht, um zu sehen, ob ihr noch da wart, doch ihr wart schon fort. Wir sind weiter nach Fedderau, da ging‘s des Nachts ½ 3.00 Uhr über das Haff nach Pillau-Neutief. Dort mussten wir die Fahrräder und so manche Gepäckstücke schon dort lassen. Vormittags 11.00 Uhr weiter nach Pillau, wo wir 14 Tage lang in Baracken untergebracht waren, es nannte sich dort „das Himmelreich“. Von hier kamen wir mit dem Zug nach Rauschen, da wohnten wir mit jungen und alten Langes von der Kirchscheiterstr. wo Bruno und Betty waren zusammen. Die Angriffe in der Zeit waren immer furchtbar, aber wir sind noch immer heil davon gekommen.
30-40 m von unserem Haus in dem wir gewohnt haben, war ein Munitionslager, durch das wir, wenn wir von der Gemeinschaftsküche Essen geholt haben, gehen mussten.

Am Palmsonntag, kam Betty nach Hause gelaufen und sagte: „Es gibt noch Nachschlag, komm mit, wir holen noch was.“ Meine Mutter war nicht zu Hause, mein Vater und Fritz sagten immer geh nicht. Ich musste doch mit. Wie wir in der Mitte des Waldes waren, hörten wir schon ein Summen und Krachen. Betty lief nach links, ich gerade aus und Bruno nach rechts. Ehe wir uns versehen hatten, war es schon passiert.

Ich habe nur noch gesehen, wie meine Kanne in die Luft geflogen ist. Dann wollte ich aufstehen, fiel aber wieder hin. Wie ich dann wieder bei Besinnung war, habe ich erst mal die Augen, Ohren und den Mund vom Dreck befreit. Wusste aber noch nicht, das oder was geschehen war. Ich habe gedacht ich wäre von dem Druck hingefallen. Wie ich wieder auf dem Weg war und wollte nach Hause laufen, habe ich den linken Arm an den Bauch gepresst, denn jetzt fingen schon die Schmerzen an. Da tropfte mir das Blut vom Gesicht auf den Arm. Ich konnte die ganze Zunge durch die Wunde stecken, sie war an der linken Kinnseite, von der Unterlippe bis unten ans Kinn. Da sah ich auch noch, dass das Blut vom linken Arm unter der Jacke hervor lief. Als ich dann noch einen Blick auf die Beine warf und sah, dass es nur noch Fetzen waren, hörte dazu noch die Betty schreien, da konnte ich auch nicht mehr ruhig sein. Dann bin ich gelaufen und habe geschrien bis ich zu einem Sanitäter kam. Dem fiel ich vor den Füßen nieder.

Bruno hatte nur einen kleinen Splitter an der Hand und einen am Knöchel, der ist nach Hause gerannt und hat Bescheid gesagt. Betty hat‘s auch nicht so schwer erwischt. Es dauerte nicht lange, bis mein Vater, Fritz und alle andern die in dem Haus und in der Nachbarschaft wohnten kamen. Alles hat mit dem Kopf geschüttelt und keinem blieben die Augen trocken. Fritz holte ein Fuhrwerk mit dem wir dann ins Krankenhaus gefahren wurden. Wie meine Mutter kam, war ich schon verbunden, die hat das alles nicht mehr gesehen.

Im Krankenhaus musste ich auch noch eine Weile warten und dann die Schmerzen dazu. Ich hatte 3 ¼ Std. auf der Schlachtbank gelegen. Wie ich dann wieder aufgewacht bin, war ich förmlich von unten bis oben in Verband verpackt. Meine Splitterzahl war 32.
Einen am Kinn, einen Durchschuss am linken Handgelenk, wobei zweimal die Sehnen beschädigt sind und jetzt steif. Kann aber arbeiten, denn die Finger kann ich bewegen. Zwei am Gesäß, wobei die rechte Gesäßhälfte halb
weggerissen war. Die Beine, unbeschreibbar. Auch der linke Knöchel war noch durch einen Splitter gebrochen.
Aber wenn Du mich jetzt sehen würdest, würdest Du sagen, das kann gar nicht möglich sein. Denn Du siehst gerade die eine Narbe am Kinn und die ist auch schon gut verheilt. Beim gehen merkst Du nichts, denn trotz der vielen Narben gehe ich nicht lahm und die Strümpfe verdecken sie alle, auch im Sommer immer Kniestrümpfe. Meine Mutter schimpft schon immer, sie sagt „Du bist ja dumm, Du kannst doch nichts dafür!“ Die Narbe am Arm verdeckt durch eine Sportuhr, wenn auch nicht ganz, aber man sieht nicht mehr viel.


Nun noch schnell die weitere Zeit. Im Krankenhaus
in Rauschen haben mich meine Eltern und mein Bruder noch immer besucht. Am 14. April hieß es räumen, entweder sie werden ins Reich verschifft oder sie nehmen ihr Kind mit nach Hause. Bis meine Eltern dann die Sachen gepackt hatten und ins Krankenhaus kamen, war ich schon weg.

Von da an habe ich sie dann auch nicht mehr gesehen. Sie sind auf den Bahnhof gelaufen und haben mich gesucht. Wie der Ort jetzt heißt, wo sie mich mit dem Auto hingefahren haben, weiß ich nicht. Dort kamen sie auch wieder in der Nacht und sagten, es sei die letzte Möglichkeit noch rauszukommen. Alles war schon aus dem Krankenhaus draußen, nur noch eine Frau die jeden Augenblick ihre Augen zumachen konnte und ich..
Aber ich habe immer gesagt, wenn meine Eltern kommen und ich bin weg. Bis dann die Sanitäter doch noch einmal kamen und fragten mich, ob ich hier sterben wollte und dann meine Eltern nie mehr wiedersehen würde. Sie brachten mich zum Zug und es ging wieder zurück nach Pillau.

Hier war ich zwei Tage und zwei Nächte in einem Bunker, bis ich verschifft wurde und am 20. April auf einem Lazarettschiff in Dänemark ankam. ¼ Jahr musste ich dort noch im Krankenhaus verbringen, ohne dort einen Bekannten zu haben oder von jemandem etwas zu wissen. Essen brauchte ich in den ersten Tagen und Wochen gar keins, denn ich habe Tag und Nacht nur geweint.

Im Krankenhaus lernte ich ein Mädchen aus Zinten kennen. Sie hieß Dora Knorr. Sie nahm mich, wie ich ausgeheilt war zu ihren Eltern ins Lager mit.
Im August `45 habe meine Tante aus Seepothen (Kreis Samland) durch Suchlisten gefunden, die mich dann zu sich ins Lager geholt hat.

Weihnachten 1946 durften wir von dort aus mit Deutschland in Briefwechsel treten. So habe ich gleich nach Duisburg geschrieben und von meinen Verwandten auch Antwort bekommen, dass sie noch am Leben sind.

Am 1. Juli 1947 kam ich mit meiner Tante aus Dänemark in Duisburg an. Dort ging ich noch ein halbes Jahr in das siebte und ein halbes Jahr ins achte Schuljahr und wurde dann entlassen. Wollte dort so gerne Schneiderin lernen, bekam aber keine Stelle und lernte Modistin.

Im September `48 bekam ich die erste Nachricht von meinen Eltern. Sie sind von Russen überrascht worden und mussten nach Zank in ein Lager, wo sie erst im Herbst `48 heraus gekommen sind. Haben dann nach Bernburg geschrieben, wo meine Verwandten im Krieg waren, die uns den Brief dann nach Duisburg geschickt haben.

Im Frühjahr habe ich meine Lehre abgebrochen und bin am 31.3.1949 hier angekommen. Da ich hier keine Stelle bekommen konnte, um weiter zu lernen, bin ich in eine Baumwollspinnerei als Lehrling gegangen. Diesen Monat mache ich noch meine Abschlussprüfung.......

Nun sei Du, liebe Wally mit einem alten Heimatgruß herzlich gegrüßt von Deiner Hanna.

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